Soll Europa die Fußball-WM boykottieren?
In wenigen Wochen beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada. Erstmals wird ein Turnier in drei Ländern ausgetragen, ein Meilenstein für den internationalen Fußball. Die gemeinsame Organisation eröffnet neue Möglichkeiten: größere Reichweite, moderne Infrastruktur und die Chance, den Sport auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent zu etablieren. Doch diese Weltmeisterschaft steht bereits im Vorfeld unter erheblicher Kritik. Auch im Europäischen Parlament wurde intensiv darüber diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen eine Teilnahme vertretbar ist. Mehrere EU-Abgeordnete wandten sich bereits im Februar in einem Schreiben an die UEFA und forderten, Konsequenzen bis hin zu einem Boykott aufgrund der US-Politik zu prüfen. Hintergrund war zu diesem Zeitpunkt vor allem der Grönland-Konflikt. Seither hat sich die politische Lage weiter zugespitzt.
ICE-Beamte und teure Tickets
Die Politik von Donald Trump wirft zunehmend Fragen hinsichtlich demokratischer Standards und Menschenrechte auf. Die Angriffe auf den Iran erhöhen die Sicherheitsbedenken. Ob kriegsführende Staaten gemeinsam an einem Fußballturnier teilnehmen können – noch dazu, wie im Spielplan vorgesehen, auf US-Boden – ist mehr als fraglich. Für Fans sorgen indes Berichte über Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE für Verunsicherung. Die bloße Präsenz solcher Kräfte ist ein Risikofaktor, der mit einem friedlichen Fußballfest unvereinbar ist. Ein großes Problem sind auch die verschärften Einreisebestimmungen. Während einige Staaten vom vereinfachten Visa-Waiver-Programm, dass die USA mit 42 Nationen vereinbart hat, profitieren, müssen große Teile der Welt, darunter fast ganz Asien, Afrika und Südamerika sowie auch europäische Länder wie die Türkei, Bosnien und die Ukraine, aufwendige Verfahren durchlaufen. Lange Wartezeiten, persönliche Interviews und erheblicher bürokratischer Aufwand erschweren vielen Fans und sogar Teammitgliedern die Teilnahme. Abschreckend wirken auch massive Preissteigerungen bei den Tickets. Selbst die günstigsten Karten kosten ein Vielfaches dessen, was Fans noch bei der Weltmeisterschaft 2022 bezahlen mussten. Für Gruppenspiele werden mehrere tausend Dollar fällig, Finaltickets erreichen Preise im fünfstelligen Bereich. Fußball droht damit zunehmend zu einem Event für wenige Privilegierte zu werden.
Fußball trägt politische Verantwortung
Trotz dieser Entwicklungen halte ich einen Boykott für den falschen Weg. Gerade in politisch schwierigen Zeiten kann der Fußball Brücken bauen. Auch der ÖFB hält nach seiner ersten Qualifikation seit 26 Jahren an der Teilnahme fest. Das bedeutet jedoch nicht, dass Kritik verstummen darf – im Gegenteil. Zunehmend untragbar präsentiert sich FIFA-Präsident Gianni Infantino. Seine Entscheidungen und Aussagen, vom fragwürdigen „Friedenspreis“ für Präsident Trump bis hin zur Forderung nach einer Rückkehr der russischen Nationalmannschaft, untergraben die Glaubwürdigkeit des Weltverbands. Für mich ist eindeutig: Solange der Angriffskrieg gegen die Ukraine andauert, darf es keine Rückkehr Russlands auf die internationale Fußballbühne geben. Auch wenn die FIFA politisch unabhängig ist, haben Verbände und Teams eine enorme Vorbildwirkung und nutzen ihre Reichweite zu Recht, um sich gegen Rassismus, Diskriminierung und Gewalt zu positionieren. Diese Haltung sollte auch gegenüber der Einhaltung demokratischer Grundpfeiler gelten. Bei aller berechtigten Kritik ist diese WM auch eine Chance für Kanada, Mexiko und die USA, gemeinsam ein friedliches Turnier auszurichten. Eine Chance für den Fußball, seine verbindende Kraft zu zeigen.
27.04.2026, 11:58 Uhr
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